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Das machen schon die anderen …

Nachdenkliches zum KIDS Sommerfest

von Birte Müller

 

Das Sommerfest vom KIDS Hamburg e.V. war vor sechs Jahren unser erster aktiver Kontakt zum Verein. Ich weiß noch, dass wir ein wenig Angst hatten, die vielen „Behinderten“ zu sehen. Als wir dann dort saßen, mit unserem Baby-Willi auf dem Arm, fand ich es einfach nur toll, den freudigen Tumult mit den vielen Kindern mit Down-Syndrom zu beobachten, und tatsächlich sind wir heute mit einigen der Familien gut befreundet, die uns dort beim ersten Mal ansprachen.

 

Seit dem sind sechs Jahre vergangen. Unsere Familie hat sich um Willis kleine Schwester Olivia erweitert. Zwei Sommerfeste haben wir aufgrund irgendeiner Krise verpasst und ich glaube, nur ein einziges Mal habe ich es geschafft, einen Kuchen mitzubringen. Auch in diesem Jahr antwortete ich erst mal nicht auf die Einladung, weil ich nicht wusste, ob mein Mann an dem Wochenende arbeiten würde. Und als ich dann wusste, dass Matthias nicht da sein würde, antwortete ich noch immer nicht, weil ich einfach nicht sicher war, ob ich den Stress allein mit beiden Kindern und der weiten Bahnfahrt wirklich auf mich nehmen wollte. Olivia wollte gerne auf das Fest. Willi wiederum mag nicht so gerne solche Unternehmungen. Ich fürchte, er versteht auch meist nicht, um was es geht, und was auf ihn zu kommt. Aber Willi fährt gerne U-Bahn und mag offene Buffets und ich war der Meinung, ich hätte auf der Einladung etwas gelesen von Kinderschminken und Puppentheater (was Olivia glücklich macht). Also entschloss ich mich, den Ausflug zu wagen. Nachdem Willi ein zweites Mal an diesem Tag seine verkackte Windel ausgezogen und damit den Sessel dekoriert hatte (am morgen war es das Bett!), geriet mein Entschluss zwar mächtig ins Wanken, aber Olivia zu liebe fuhren wir trotzdem... und irgendwie muss man so ein Wochenende ja auch herum bekommen.

Die Bahnfahrt lief dann auch ziemlich problemlos. Als wir ankamen gab es schon Kuchen, meine Kinder waren mit Essen beschäftigt, und ich konnte sogar kurz so eine Art Unterhaltung führen bis meine Tochter anfinge zu jammern, wann denn das Schminken los gehen würde. An meinem Tisch blickten sich alle um, wen könnten wir fragen? Wer hat denn organisiert? Niemand wusste es.

 

Also fragte ich Regine Sahling, die neue Geschäftsführerin unseres Vereins, wann denn das Schminken los ginge. Sie schaute mich etwas resigniert hat und erklärte mir, dass das, was ich für das „Programm“ gehalten hatte, lediglich eine Aufforderung an alle Mitglieder des Vereins gewesen war, auf dem Fest IRGEND etwas an Programm anzubieten. Und dann fragte mich Regine zurück: „Und was meinst, Du wie viele sich gemeldet haben? Keiner!“

 

Sie hat es nicht gesagt, um mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Sie weiß, dass wir uns mit Willi oft am Rande des Wahnsinns bewegen, aber es hat mich doch wirklich beschämt, beschämt für mich und auch für unseren Verein…

Sie hatte kurz vorher überlegt das Fest abzusagen, einfach weil sich kaum einer überhaupt  meldete, sich keine Auf- und Abbauhelfer fanden und weil niemand etwas zur Gestaltung des Nachmittags beitragen wollte oder konnte. Ich war mir dessen nicht bewusst gewesen, dabei kann ich mir ja an einer Hand abzählen, dass ich hier nicht die einzige Mutter bin, die sich ständig nahe an der Belastungsgrenze oder schon darüber hinaus bewegt. Bis zu Willis Geburt war ich ein ganz anderer Mensch. Ich war immer die, die alles organisieren wollte, und oft sah mich eher dem Vorwurf ausgesetzt, ich würde alles an mich reißen. Immer war ich die Klassensprecherin, später Schulsprecherin, im Studium dann Tutorin und Assistentin, ALLE Feiern habe ich organisiert und dabei die Leute gehasst, die sich verhalten so wie ich selber heute! Ich muss meine Kräfte jetzt für den Alltag mit meinem behinderten Kind sparen, aber das geht ja bei KIDS naturgemäß allen Eltern so.

Unseren Verein würde es gar nicht geben, wenn sich alle nur so um sich selber drehen würden, wie ich. Und ehrlich: Wenn ich in mich hinein horche, weiß ich schon, dass ich am Abend vor dem Sommerfest einen Kuchen oder einen Salat hätte machen können (was zum Glück sehr viele andere Mitglieder getan haben, denn wenn Willi in der Zwischenzeit nicht damit beschäftig gewesen wäre, eine Apfeltorte zu entkernen, wäre mein Gespräch mit Regine nicht mal zustande gekommen). Auf jeden Fall wäre es keine Überforderung für mich gewesen mal Bescheid zu sagen, dass ich nur eventuell komme und dass ich keinen Kuchen backe und nichts zum Programm beitragen kann.

Unser Gespräch war dann auch nur sehr kurz, denn Olivia wollte, dass ich mit ihr spiele und Willi musste endlich vom Buffet fern gehalten werden und dann habe ich noch alle 10 Meter jemanden getroffen, mit dem ich wirklich gerne gequatscht hätte, was aber ja nicht ging, weil Olivia an mir gezerrt hat und Willi ständig verschwunden war. Als Olivia sich kurz schmollend dazu herab ließ auf dem Spielplatz ohne mich zu spielen, und ich Willi mal wieder am Buffet eingesammelt hatte (jeden Moment damit rechnend, dass er gleich erbrechen würde), da rief Olivia in all ihrem Frust über das aus ihrer Sicht enttäuschende Fest plötzlich laut „Ich mag die behinderten Kinder nicht“  und da wusste ich, es war Zeit zu gehen…

 

Für das nächste Jahr, müssen wir für das Sommerfest irgendetwas ändern. Es ist so nett, wenn sich viele KIDS Familien treffen und auch dieses Jahr war wieder eine besonderer Stimmung und so viel Lebensfreude und Energie durch unsere Kinder da. Wir sollten diese Chance nicht vertun! Wie viele Feste erlebe ich, bei denen sich keiner wundert, wenn mein Kind alle Teller, die ihn vor seiner Nase stören kurzerhand auf den Boden wirft? Und wo sonst schaut mich keiner komisch an, wenn ich meinen Sohn nur durch einen Art militärischen Befehl dazu bekomme, die Teller wieder aufzuheben? Allerdings sehe ich nicht, dass ich irgendwann in den nächsten zehn Jahren in Ruhe Kinder schminke, während Willi und Olivia friedlich alleine spielen ohne ihre Hände in Wackelpudding zu tauchen oder alle 10 Sekunden „Mama“ zu rufen. Und wenn ich eines Tages nicht mehr ständig hinter Willi her rennen muss, dann will ich mich ja auch bei den anderen Eltern über die letzen 16 Jahre ausjammern und nicht Kinder schminken. Die Wahrscheinlichkeit, mich überhaupt zu unterhalten und einen Kaffee zu trinken, steigt wiederum nur mit dem Grad der Unterhaltung, die für die Kinder angeboten wird. Ich müsste also vielleicht eine Freundin fragen, ob sie auf unserem Fest die Kinder schminkt und wenn Matthias dabei ist, könnten wir uns mit dem Hinterherrennen abwechseln. Er könnte auch die Gitarre mitbringen und mal 20 Minuten spielen, schon wäre Willi und wahrscheinlich die Hälfte aller anderen Spezialisten eine Weile ruhig gestellt.

 

Am Abend des KIDS-Sommerfestes war ich dann einfach nur froh, dass wir ohne zu spucken heil nach Hause gekommen sind und dass Willi sich an diesem Tag nicht noch mal die Windel ausgezogen hat. Ich denke, ihm hat das Fest gefallen, besonders der Akkordeon Spieler des Theaterprojekts Parzivalpark (denn etwas Programm gab es ja schon!). Als Willi im Bett war konnte ich auch Olivia glücklich machen und sie noch als Prinzessin schminken. Ich bin ganz zuversichtlich, dass ich für 2014 wenigstens einen Kuchen beitragen werde.

 

Und, liebe Regine, vielen Dank, dass Du das Sommerfast fast alleine auf die Beine gestellt hast und ich gelobe ein besseres Mitglied zu werden, das wenigstens zu- oder absagt!